Mit der Kollekte die „soziale Apartheid“ bekämpfen

Aachener Nachrichten, 26. April 2017

Aachener Nachrichten vom 26. April 2017 (c) Aachener Nachrichten
Aachener Nachrichten vom 26. April 2017
Fr, 28. Apr 2017
Monika Herkens
Aachener Nachrichten vom 26. April 2017 (c) Aachener Nachrichten
Aachener Nachrichten vom 26. April 2017

Mit 40 Projekten kümmern sich die christlichen kirchen in der städteregion darum, Langzeitarbeitslosen wieder eine Perspektive zu geben

Von Rolf Hohl

Aachen. Am 1. Mai ist Tag der Arbeit und ein guter Zeitpunkt, auch an jene Menschen zu denken, die von dieser Form gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Für Langzeitarbeitslose ist der Gang zurück in die Beschäftigung oft besonders beschwerlich und meist nur mit Unterstützung zu bewältigen. Die katholischen und evangelischen Kirchen in der Städteregion bieten diesen Menschen daher seit vielen Jahren eine helfende Hand. Damit diese auch zupacken kann, rufen sie am kommenden Wochenende zu solidarischen
Spenden und Kollekten auf.

„Wir müssen uns alle fragen, was mit unserem Menschenbild nicht stimmt, wenn wir Langzeitarbeitslose oder ältere Menschen einfach aus der Gesellschaft aussortieren“, sagt dazu der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, Hans-Peter Bruckhoff. Hier könne man durchaus von einer „sozialen Apartheid“ sprechen, die in der Arbeitswelt
stattfinde. Umso mehr begrüße er, dass in den Wahlkämpfen die soziale Gerechtigkeit in den Vordergrund gerückt sei.

Armut wird weitergegeben

Einen besonderen Fokus richten die Kirchen bei dieser gemeinsamen Aktion auf die Langzeitarbeitslosen. Denn es sei festzustellen, dass ihre Zahl seit Jahren stagniere, während die Arbeitslosenzahlen insgesamt sinken, sagt Holger Brantin, der Vorstand des regionalen Katholikenrates Aachen. „Viele Kinder werden in unserem Land in Armut geboren und geben diese weiter, wenn man nicht in diesen Zirkel eingreift.“

Einen Ausweg aus dieser Abwärtsspirale könne hierbei der sogenannte zweite Arbeitsmarkt sein, sagt Peter Brendel, Vorstand des Vereins Pro Arbeit. Ein solcher „sozialer Arbeitsmarkt“ müsste jedoch offen für alle Unternehmen sein, die zur Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen beitragen möchten. Besonders wichtig wäre dies für jene  Menschen, die schon länger als 30 Monate keiner Arbeit mehr nachgegangen sind – den „Längstzeitarbeitslosen“. Deren Anzahl steigt nämlich entgegen dem Trend der insgesamt weniger werdenden Arbeitslosen. „Häufig durch Schulden und familiäre Probleme belastet, sind diese Leute auf dem jetzigen Arbeitsmarkt faktisch nicht vermittelbar“, so Brendel.

An dieser Stelle treten rund 40 kirchliche Projekte in der ganzen Städteregion auf den Plan, die durch die Einnahmen der Solidaritätskollekte mitgetragen werden. Sie helfen den  Betroffenen durch Beratung und Begegnungsmöglichkeiten, wieder Anschluss an die Arbeitswelt und damit an die Gesellschaft zu knüpfen. Dafür fließen jährlich etwa 320 000 Euro in  die Projekte und zusätzlich etwa 70 000 Euro die beim Solidaritätslauf und durch die Spendenkollekte zusammenkommen. Geld, das bitter nötig ist, wie Superintendent Bruckhoff  betont. Denn die staatlichen Mittel würden stetig geringer und seien an immer mehr bürokratischen Aufwand gekoppelt. Eine langfristige Planung für die Projekte werde so immer schwieriger, und das in einem Bereich, in dem zweifellos dringend Handlungsbedarf bestehe. Weitere Informationen: www.solidaritaetskollekte.de