Vom Rand in die Mitte holen

Was die kirchliche Arbeitslosenarbeit über Spenden sammeln hinaus auch politisch bewirken kann

Solilauf (c) Andrea Thomas
Solilauf
Di 13. Sep 2016
Andrea Thomas
An diesem Wochende findet zum zehnten Mal der Solidaritätslauf für Menschen ohne Arbeit in Aachen statt. Die KiZ hat dies zum Anlass genommen, Akteure der kirchlichen Arbeitslosenarbeit zu fragen, wie Kirche sich – auch politisch – für diese Menschen einsetzt bzw. einsetzen sollte.
Arbeitslosenarbeit (c) Andrea Thomas
Arbeitslosenarbeit

Worauf kommt es aus Ihrer Sicht bei einer guten und erfolgreichen Lobbyarbeit für Menschen ohne Arbeit an? 

Alfons Bäumer, Katholikenrat Aachen-Land: 

Die Basis dafür ist die gelebte Nähe zu diesen Menschen und der unbändige Glaube an jeden Einzelnen und an eine – seine – gute Zukunft. Dann kann ich von Mitteln und Wegen sprechen, die diesen Menschen helfen, ihren Weg zu gehen, der ihnen Teilhabe ermöglicht. Andere dürfen immer wieder eingeladen werden, ihren Beitrag dazu zu leisten. Als Christ habe ich die Freiheit, egal wie der politische Wind weht, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. So sehen Mitte und Rand ganz anders aus. 

Holger Brantin, Katholikenrat Aachen-Stadt: 

Es ist wichtig, dass man in der Öffentlichkeit immer wieder den Fokus auf diese Menschen lenkt, denn man verliert sie schnell aus dem Blick, wenn man die seit Jahren positiven Zahlen der Arbeitslosenstatistiken vor Augen hat. Die Menschen sind aber oft gerade deswegen dauerhaft ohne Arbeit, weil sie aufgrund von Alter, Krankheit oder mangelnder Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt schwer vermittelbar sind. Man hat den Eindruck, dass sich die Politik letztlich mit diesem Problem nicht befassen möchte, da hier eine Änderung nur mit erheblichen Aufwand und Kosten herbeigeführt werden kann. Deswegen ist es auch so wichtig, mit Aktionen, wie etwa dem Solidaritätslauf oder der Solidaritätskollekte, auf die langzeitarbeitslosen Menschen und ihre Familien aufmerksam zu machen. 

Wilfried Hammers, Förderverein Arbeit, Umwelt und Kultur: 

Lobbyarbeit für und mit Menschen, denen man sonst kein Gehör schenkt oder die man mit ihren Anliegen ignoriert, weil sie für die politische Mehrheitsbeschaffung nicht von Belang zu sein scheinen, hat eine zunächst sensibilisierende Funktion auf die Entscheidungsträger hin und muss auch empathische Züge tragen, um über die Barmherzigkeit gleichermaßen die Frage der Gerechtigkeit anzusprechen. Es darf aber bei der Lobbyarbeit keinesfalls stehen bleiben, weil sie der Menschen und ihrer Würde wegen immer zu deren Selbstermächtigung führen muss. 

Peter Brendel, Verein Pro Arbeit: 

Voraussetzung ist eine gute und intensive Netzwerkarbeit, bei der politische und gesellschaftspolitische Entscheidungsträger permanent über die Situation von Menschen ohne Arbeit und ihrer Familien informiert werden. Insbesondere in Zeiten einer gefühlten Vollbeschäftigung ist es schwer zu vermitteln, warum einerseits Arbeitsplätze frei sind und andererseits Menschen nicht den Weg in Arbeit finden. Dieser scheinbare Widerspruch muss durch sachliche Aufklärung benannt und die Ursachen und Lösungen hierfür aufgezeigt werden. Nur so kann dem Stigma, dass „Langzeitarbeitslose keine Lust auf Arbeit haben“ entgegengewirkt werden. 

Heinz Backes, Referent Arbeiter- und Betriebspastoral im Bistum Aachen: 

Für eine gute Lobbyarbeit ist es aus meiner Sicht wichtig, dass arbeitslose Menschen mit ihren Fragen, Sorgen und Nö- ten in die Prozesse von politischer Arbeit und Öffentlichkeitsarbeit einbezogen werden. Erfolgreich kann Lobbyarbeit sein, wenn sie Stachel im Fleisch der Reichen und Mächtigen in Gesellschaft, Wirtschaft und Kirche ist. Die Option für die Armen muss ersetzt werden durch eine Option mit den Armen. 

Andris Gulbins, Bildungswerk der KAB: 

Wesentlich ist, den Menschen in diesem Land immer wieder deutlich zu machen, dass es sich bei Arbeitslosigkeit um ein unverschuldetes Schicksal handelt. Punkt! Es muss deutlich werden, dass Langzeitarbeitslosigkeit einen Teufelskreis in Gang setzt: Die individuellen Folgen von Arbeitslosigkeit selbst sind so gravierend, dass sie manch einer Arbeitsaufnahme entgegenstehen oder zum (Selbst-)ausschluss aus unserer Gesellschaft führen. Übrigens: Es sind die kirchlichen Arbeitslosenprojekte, die es schaffen, diese Kreisläufe zu durchbrechen. Lobbyarbeit heißt auch, sich einem neoliberalen Stream mit seinen einfachen Menschenbildern entgegenzustellen, wonach Arbeitslosigkeit ein individuelles Marktversagen darstellt. 

Was kann Kirche auch auf der politischen Ebene bewirken?

Holger Brantin:

Wir müssen Perspektiven aufzeigen. Das können wir als Kirche nicht alleine schaffen, wir brauchen die Unterstützung aus der Politik. Dazu gehört, dass hinreichende gesetzliche Grundlagen geschaffen werden, damit die Arbeitslosenprojekte weiter aufrechterhalten werden können und nicht in eine Konkurrenz zum Markt getrieben werden, die mangels vergleichbarer Grundlagen nicht bestanden werden kann. Deswegen muss sich die Politik ihrer Verantwortung gerade gegenüber den Schwächeren in unserer Gesellschaft bewusst sein. Diese Verantwortung muss von den Kirchen vernehmbar eingefordert werden. 

Alfons Bäumer:

Wir müssen von den Menschen sprechen. Wir müssen Strukturen des Unrechts benennen und uns immer wieder neu zutrauen, einen Neuanfang zu wagen. Wir sind es, die die Entscheidungsträger einladen können zu Wegen, die sichtbarer den Menschen dienen. Wir haben die Freiheit, uns quer zu legen, wenn auf politischer Ebene andere Prioritäten gesetzt werden. 

Wilfried Hammers:

Mehr den Blick darauf zu richten, was diese Menschen an Kompetenzen mitbringen und für sich und die Gesellschaft zur Entfaltung bringen können, wenn sie nicht nur defizitorientiert betrachet würden, wäre sicher ein Quantensprung der Menschlichkeit. Kirche hat auch auf die Politik hin zunächst diese Geschöpflichkeit wachzurufen. Sie muss für eine Entschleunigung und Entfunktionalisierung aller Bemühungen in der Arbeitsmarktpolitik eintreten. Den Blick für die Fragen der Erwerbsarbeitslosigkeit weiten, um all diese Phänomene, statt die Arbeitslosen selbst zu bekämpfen. 

Peter Brendel:

Da Arbeit ein elementarer Teil unseres gesellschaftlichen Lebens ist, muss für diese Menschen ein Arbeitsmarkt geschaffen werden, wo sie ihre Fähigkeiten einbringen können. Dies ist bisher aber politisch nicht gewollt. Unter anderem an dieser Stelle bewirkt Kirche auf politischer aber auch auf ganz pragmatischer Ebene, dass diese Menschen nicht ganz vergessen werden. 

Heinz Backes:

Kirche kann nichts bewirken, wenn sie nur Sprachrohr für arbeitslose Menschen ist. Sie muss lernen auf langzeitarbeitslose Menschen zuzugehen, von ihnen zu lernen und mit ihnen in einen ehrlichen Dialog, auf Augenhöhe, zu treten. Die Würde der arbeitslosen Menschen zu achten ist dabei das oberste Gebot. Kirchliche Arbeitslosenarbeit zeichnet sich aus durch die Begriffe Bildung, Beratung, Begegnung. 

Andris Gulbins:

Politisch sollte die Kirche sich für einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor einsetzen – auch wenn’s dafür Ärger mit marktradikalen Wortführern gibt. Schließlich passen nur ganz wenige Menschen durchs Nadelöhr der Qualifizierung. Aber was wird aus den Menschen für die der Markt kein Angebot hat? Es ist teilweise der Globalisierung, vor allem aber der fortschreitenden Produktivität geschuldet, dass uns die Erwerbsarbeit ausgeht – und verloren gehen zuerst Arbeitsplätze mit geringer Qualifikationsanforderung. Dann müsste eine politische Forderung lauten, mehr Mittel für die allgemeine, schulische und berufliche Bildung auszugeben. Bildung ist der Schlüssel zur Lösung der benannten Problemstellungen. Das Gegenteil ist ja der Fall. Wenn uns die Erwerbsarbeit ausgeht, kann eine weitere Forderung nur lauten, die Erwerbsarbeit zu teilen und die Arbeitszeit zu verkürzen. Vielleicht tut uns das als Gesellschaft auch gut, um ein Gleichgewicht herzustellen zwischen guter Arbeit und einem gutem Leben, denn auf Dauer wird uns die Spaltung zwischen arm und reich, zwischen Gewinnern und Verlierern und Menschen mit keiner Arbeit und Menschen mit zu viel Arbeit teuer zu stehen kommen. 

KAB Aachen (c) Andrea Thomas