Schluss mit „abgehängt und aussortiert“

Aachener Zeitung vom 25. April 2017

Aachener Zeitung 25. April 2017 (c) Aachener Zeitung
Aachener Zeitung 25. April 2017
Fr, 28. Apr 2017
Monika Herkens

Solidaritätskollekte am Wochenende: kirchliche Vertreter machen wieder auf Langzeitarbeitslosigkeit aufmerksam

Von Rauke Xenia Bornefeld

Aachen. Mit ein wenig Genugtuung nehmen die kirchlichen Vertreter der Region wahr, dass mit dem Beginn des Bundestagswahlkampfes soziale Gerechtigkeit wieder zu einem Thema für die Politik geworden zu sein scheint. Allerdings sei es nach wie vor notwendig, auf die nach wie vor ungelöste Problematik der Langzeitarbeitslosigkeit hinzuweisen. „Das Gesamtsystem Gerechtigkeit leidet, solange Menschen dauerhaft abgehängt und aussortiert werden. Stimmt da nochunser Menschenbild?“, fragte Hans-Peter Bruckhoff,  Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Aachen, anlässlich der am Wochenende anstehenden Solidaritätskollekte für Arbeitslose. Und Holger Brantin, Vorstand des  Katholikenrates Aachen, ergänzte: „Langzeitarbeitslose werden nach wie vor von der Politik wie faule Kredite in einer Bad Bank gesellschaftlich abgeschrieben.“

Am kommenden Wochenende sind die Kollekten in allen Gemeinden des Bistums Aachen für etwa 40 kirchliche – evangelische wie katholische – Projekte für und mit Arbeitslosen bestimmt. Die evangelischen Gemeinden aus vier Kirchenkreisen entscheiden selbst, wer den Inhalt des Klingelbeutels bekommen soll. „Wir stellen die Solidarität mit  Langzeitarbeitslosen aber über das ganze Jahr immer wieder in den Fokus“, meinte Bruckhoff.

Im vergangenen Jahr kamen durch Kollekten, Spenden und den traditionellen Solidaritätslauf im September etwa 70000 Euro zusammen. Durch zusätzliche Kirchensteuermittel standen den kirchlichen Trägern von Arbeitslosenprojekten 320.000 Euro zusätzlich zur Verfügung. Finanziert werden damit Angebote und Projekte, die in der Förderpolitik der Arbeitsagenturen und Jobcenter nicht enthalten sind, zum Beispiel Beratungsangebote und Treffpunkte für Arbeitslose, die wesentlich dazu beitragen, die Menschen aus der Isolation zu holen. Aber auch die Qualifizierung und Förderung von Menschen, die mit den strengen Forderungen der Jobcenter nicht zu erreichen sind.

Dass die Notwendigkeit der Solidarität mit Arbeitslosen auch bei fast schon historisch niedrigen Arbeitslosenzahlen nach wie vor besteht, verdeutlichte Peter Brendel, Vorsitzender von „Pro Arbeit“, dem Dachverband der Träger für Bildung, Qualifizierung und Beschäftigung in der Städteregion Aachen: „Die Zahl der Menschen, die Leistungen nach SGB II – landläufig Hartz VI genannt – beziehen, ist  stabil auf hohem Niveau. Gleichzeitig steigt die Zahl derjenigen stetig an, die länger als 30 Monate ohne Arbeit sind. Sie sind vom Arbeitsmarkt komplett abgekoppelt, sie sind faktisch  nicht vermittelbar. Dahinter stehen aber nicht nur die Arbeitslosen, sondern ganze Familien: Mindestens jedes fünfte Kind in der Region ist von Armut betroffen.“ Gerade diesen  Menschen würde ein sozialer Arbeitsmarkt eine echte Perspektive auf gesellschaftliche Teilhabe bieten (siehe „Zwei Fragen an“).

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