„Man fühlt sich nutzlos“

Eine Langzeitsarbeitslose erzählt von ihrem Leben, ihrem Glauben und fehlender Perspektive

Soli-Kollekte Nachricht (c) Dorothée Schenk
Soli-Kollekte Nachricht
Di 18. Apr 2017
Dorothée Schenk
Sie ist eine Frau in den „besten Jahren“. Gepflegte Erscheinung, unaufdringlich in Jeans und Pullover gekleidet, mit zwei Berufsausbildungen in der Tasche – und langzeitarbeitslos. Eine nicht ganz ungewöhnliche Arbeits-Lebensgeschichte.
Soli-Kollekte Quadrat (c) Dorothée Schenk
Soli-Kollekte Quadrat

„Mein Leben ist nicht so verlaufen, wie ich das wollte. Mir wäre es auch lieber geradlinig gewesen, mit festem Job“, sagt Bianca S. (Name von der Redaktion geändert), zögert, überlegt. „Aber ist es halt nicht. Man muss sich mit dem zufriedengeben, was man hat.“ Für eine Frau Anfang 40 klingt das resigniert: Dabei ist die gebürtige Niederrheinerin, die nebenbei über wachsende Infrastruktur ihrer ländlichen Heimatgemeinde spricht, keine, die die Hände in den Schoß legt. Hartnäckig, beharrlich, mit Langmut und Zähigkeit ausgestattet, das trifft es eher. Mit dem Hauptschulabschluss 10B in der Tasche startete sie in einer Baumschule in die Lehre. Zwei Mal fiel sie durch die Prüfung. Der Betrieb entließ sie „von heute auf morgen“. Der erste Rückschlag, aber keine Entmutigung.

Bianca S. war von jeher sozial engagiert und im katholischen Elternhaus christlich geprägt. Perspektivwechsel: Altenpflege war von da an das Berufsziel. Als ausgesprochen flexibel zeigte sich die junge Frau. Unbezahltes Praktikum am Niederrhein, Januar 1990 Wechsel nach Mönchengladbach, wo sie versicherungspflichtig arbeiten konnte, dann kam das Angebot einer Ausbildungsstelle zur Krankenpflege-Helferin in Würselen. Sie packte die Chance beim Schopf und zog in das Schwesternheim. Drei Monate später war auch das Kapitel geschlossen. Zum Rückzug ins Elternhaus kam die erste Maßnahme vom Arbeitsamt für langzeitarbeitslose Jugendliche. Hier machte Bianca S. die ersten Erfahrungen mit „dem Amt“. Mehrfach hatte sie sich bei einer Ausbildungsstelle beworben. Der Sachbearbeiter mahnte: „Schreiben Sie bloß nicht mehr dahin! Die haben sich schon bei mir beschwert. Sie bekommen eh keinen Job in der Pflege.“ Ein Trugschluss. In Krefeld konnte sie die ersehnte Ausbildungsstelle antreten und zog gleich auch dorthin um. Die Ausbildung war geprägt von Selbstzweifeln, der Erkenntnis, dass Lernen ihr schwerfällt und dennoch trotzte sie dem Gedanken: „Ich schmeiß hin, ich schaff das nicht.“ Der Lohn: Ein Abschluss mit schriftlich 2, mündlich und praktisch 3. „Wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, auf Lohnsteuerkarte etwas Ungelerntes zu machen, ich glaube, ich hätte es hingeschmissen“, sagt sie heute.

 

Trotz Qualifikation blieb bis heute die Festanstellung aus

Beruflich gebracht hat ihr die Qualifikation nichts. Eine Stelle verlor sie noch in der Probezeit und war wieder arbeitsuchend ohne Berufserfahrung. Keine guten Bewerbungsvoraussetzungen. Sie nahm Stellen in Alten- und Krankeneinrichtungen zwischen Rhein und Ruhr an, die aus unterschiedlichen Gründen keinen Bestand hatten. „Ich habe immer wieder gearbeitet – aber auch immer wieder Phasen der Arbeitslosigkeit.“

In dieser Zeit hat sich Bianca S. aber einen Jugendwunsch erfüllt: Sie wurde Messdienerin. Als regelmäßige Gottesdienstbesucherin hatte sie die Älteren am Altar gesehen und traute sich zu fragen. Die Gemeinde und die Gruppe sind ein Halt. Darüber hinaus singt sie in einem Kirchenchor. Trotzdem machen sich auch hier Fusion und damit einhergehende Veränderungen bemerkbar: „Früher war mehr Gemeinschaft. Es ist etwas rückläufig seit der Pensionierung des Pastors. Es ist nicht mehr so, wie man es gewohnt ist … Obwohl: Man muss auch Mut für was Neues haben.“ Und so bleibt sie nicht nur ihrer Kirche treu, sondern auch der Gemeinde und dem neuformierten Chor. Das füllt das Leben der 41-Jährigen aus zwischen Haushalt, dem Schreiben von Bewerbungen, der Lieblings-TV-Serie „In aller Freundschaft“ und 1000-Teile-Puzzlen.

Inzwischen, das gibt sie zu, fällt es immer schwerer, Anlauf für eine Bewerbung zu nehmen. Erschwerend hinzu gekommen sind krankheitsbedingte Rückschläge: Probleme mit der Bandscheibe, die eine mehrwöchige Reha nach sich zog, eine Fuß-OP. Altenpflege war nach ärztlicher Empfehlung kein Beruf, den sie weiter ausüben sollte. 2013 bemühte sich Bianca S. selbst um eine Qualifizierung zur geriatrisch-psychiatrischen Fachkraft, im Sprachgebrauch Altentherapeutin. Dafür fuhr sie ein Jahr lag jeden Tag nach Gelsenkirchen mit dem Zug, weil „das Amt“ keinen Umzug bezahlte. „Der Glaube hilft mir in meinem Auf und Ab schon weiter, aber diese negativen Gedanken habe ich nach wie vor: Man fühlt sich trotzdem irgendwie nutzlos. Nicht gebraucht. Kein Mensch will mich, kein Mensch mag mich … Da ändert auch der Glaube nix dran.“

Bianca S. ist eine der langzeitarbeitslosen Menschen, die Hilfe durch die Solidaritätskollekte erhalten. Aus Scham möchte sie ihren Namen nicht preisgeben. Am Wochenende, Samstag, 29., und Sonntag, 30. April, wird in den Gottesdiensten in allen Kirchen im Bistum Aachen zur Solidaritätskollekte aufgerufen unter dem Leitwort „Perspektiven geben: Arbeit stärkt, erfüllt und vernetzt.“

 

Für die Ärmsten

Diakon Matthias Totten zum Hintergrund der Solidaritätskollekte

 

Solidaritätskollekte – wofür steht sie?

Für den Solidaritätsfond des Bistums bewerben sich Institutionen, die sich um Langzeitarbeitslose bemühen. Sie reichen ihre Projekte bei einem Vergabeausschuss ein, der dann über den Zuschuss entscheidet. Im Normalfall haben diese Einrichtungen einen Haushalt, den sie vor dem Vergabeausschuss rechtfertigen müssen, ehe Geld an die Projekte vergeben wird. Vor Ort sind es zum Beispiel das Sozialwerk Krefelder Christen, das viele Angestellte hat und auch Schulungen anbietet, das Arbeitslosenzentrum Krefeld/ Meerbusch e. V. und auch das Arbeitslosenzentrum für Viersen, bei dem ich Vorsitzender bin.

 

Können Sie beispielhaft den konkreten Nutzen der Kollekte erklären?

Ich habe rund 200 Leute, die ich monatlich mit unserem Angebot „Offenes Ohr“ in St. Anna erreiche. Es sind alles Arbeitslose oder Menschen in Grundsicherung, die jeden Mittwoch zum Kaffeetrinken kommen, zur Kleiderkammer aber auch, um Lebensmittelgutscheine zu bekommen. Viele kommen erst dann, wenn sie aus dem letzten Loch pfeifen oder mit den Anträgen nicht klar kommen, wenn die Not ganz, ganz groß ist. Ich war auch ein paarmal mit beim Jobcenter, um Menschen, die hier Hilfe suchen, zu begleiten. Es ist wirklich entwürdigend. Man ist eine Nummer. Ich kam mit meinem Titel – Diakon der katholischen Kirche – und zack … geht das. Das ist wie ein Rammbock. Wenn man aber als Nümmerchen kommt, angewiesen ist auf das Geld, das man irgend zum Leben braucht, dann ist man Max Mustermann, man ist niemand. Viele, die das Vier-Augen-Gespräch suchen, bitte ich dann, ins Arbeitslosenzentrum zu gehen, das am selben Morgen geöffnet hat. Dort sind die Fachleute, die mit ihnen zum Amt gehen. Wenn ich diese Anlaufstelle Arbeitslosenzentrum nicht mehr habe, kann ich ganz vielen Menschen nicht mehr helfen.

 

Warum sehen Sie eine Gefahr für diese Einrichtungen?

Die Kollekte geht zurück. Die Gemeindeleiter müssten ihren jesuanischen, karitativen Auftrag ernst nehmen und die Projekte des Bistums unterstützen – das können sie über die Solidaritätskollekte tun. Wenn sie aber weiter abnimmt, werden Einrichtungen schließen müssen, und die Menschen finden keine Hilfe mehr.

 

Haben Sie eine Erklärung für den Rückgang der Kollekte?

Die Gemeinden müssen in die Verantwortung und die Kollekte wirklich ans Bistum abführen. Es ist eine Pflichtkollekte, und trotzdem mogeln sich viele Pfarrer um diese Kollekte herum, weil sie den Schwerpunkt Hilfe für Langzeitarbeitslose ablehnen. Das ist sehr bedauerlich. Es ist eine grundlegende Hilfe für Menschen in Not vor Ort. Die Arbeit müssen die Gemeinden nicht selbst machen, sie können sie an Institutionen vor Ort delegieren.

 

Was wäre eine denkbare Gegenmaßnahme?

Hier braucht es mehr Lobbyarbeit – auch in Krefeld – für die Menschen in Arbeitslosigkeit. Die Gemeinden müssten richtig die Werbetrommel rühren. Man kann auch in der Predigt mal drei Worte dazu verlieren, dass es hier um die Ärmsten geht, die sich nicht wehren können in unserer Gesellschaft.

Die Fragen stellte Dorothée Schenk.

Totten Quadrat (c) Dorothée Schenk